3. Ulmer 50/100 km Nachtlauf

1.07.2011

Den ganzen Freitag realisiere ich nicht, dass wir am Abend noch 50 km laufen werden. Der Tag unterscheidet sich nicht von anderen. Erst um 18 Uhr packen wir unsere Sachen, und die Frage wird brisant: was ziehe ich an? Der Wetterbericht sagt etwas von 8 °C. Das ist nicht warm. Norbert entscheidet sich für den Tri und Langarmtrikot drüber. Ich bleibe bei kurzer Hose (es ist ja schließlich Juli) und Winterjacke (8 °C sind auch im Sommer kalt). Dazu ein leichter Buff wegen der Stirnlampe. Kathi meint, dass die sonst unangenehm auf den Kopf drückt. Übrigens Stirnlampe: so ein Ding auf dem Kopf ist purer Horror. Kathi hat sie mir besorgt. Danke nochmal. Sonst hätte ich echt ein Problem gehabt.

Wir fahren wieder zu dritt (Kathi fährt mit). Diesmal aber mit dem Auto meines Schwiegervaters. Der Bus ist schon vor den Pferdeanhänger gespannt, weil wir am Samstag auch noch aufs Turnier müssen.

Mit Navi sind wir pünktlich in Blaustein. Dort ist um 23 Uhr der Start. Parken ist kein Problem. Gerade ist das Briefing in vollem Gange. Da die Starter-Info vorab sehr detailliert waren, hätten wir darauf auch verzichtet können und hören uns jetzt noch den Schluss an. Die Ausgabe der Startnummern und des Fußgelenkchips geht schnell. Man bekommt ein Baumwoll-T-Shirt in schwarz mit coolem Aufdruck.

Den aushängenden Starterlisten entnehmen wir, dass für die 50 km nur knapp 50 Läufer angemeldet sind. Für die 100 km dagegen mindestens das dreifache. Dazu noch ungefähr 40 Staffeln. Marlies und Günter wollen die 100 km angehen. Kathi hat wegen Biel für Staffel gemeldet und darf nur 20 km laufen. Was nicht in den Starterinfos steht ist, dass es einen Gepäcktransfer ins Donaustadion (das ist das Ziel der 50er) gibt. Ich lasse mir eine Tasche dorthin schicken.

Ich probiere mal die Stirnlampe. Ungewohnt, aber es wird schon irgendwie gehen. Wegen der Kälte bleiben wir so lange wie möglich in der Halle. Als wir dann im Dunkeln den Startbereich im Blaustadion erreichen, ist das Ballonglühen schon vorbei. Da werden große Heißluftballons aufgeblasen und geben so ein faszinierendes Licht.

Es ist eigentlich alles wie bei anderen Läufen; nur eben dunkel. Wir finden sogar Marlies und Günter. Oder eigentlich finden die uns. Und so warten wir gemeinsam auf den Start.

Der Start ist einmalig. Im Stadion ist ein riesiges Feuerwerk aufgebaut. Mit dem Start wird es gezündet. Es erklingt „conquest of paradise“ von Vangelis. Am liebsten würde ich bleiben um dieses Schauspiel zu genießen. Loslaufen und Teil des Gesamtkunstwerks zu sein ist die bessere Alternative. Leider kann man das ganze nur unzureichend beschreiben. Es ist einfach einmalig.

Als wir das Stadion verlassen, hallen noch Donnerschläge, dann ist es still. Immer noch stehen Schaulustige am Rand der Strecke. Kathi macht sich davon. Den folgenden Kilometer nutzt Günter um noch Bilder von uns zu machen. Er hat seine Kamera auf einen Stock montiert und kann so auch aus ungewöhnlichen Perspektiven aufnehmen. Das Tempo ist mehr als moderat. Überholen aber zu diesem Zeitpunkt unmöglich.

Irgendwann sind Marlies und Günter weg, und auch Norbert verabschiedet sich. Schon von Anfang an laufe ich mit dem Licht meiner Stirnlampe. Trotz des engen Läuferfeldes sehe ich Bodenunebenheiten einfach besser, wenn ich mein eigenes Licht habe und nicht auf das Licht der anderen Lampen angewiesen bin. Der Weg geht viel über unbefestigte Wege. Ich hab große Schwierigkeiten mich zu orientieren. Das Feld zieht sich langsam auseinander. Erstaunlicherweise laufen nicht alle mit Licht. Als wir gerade eine Straße entlang laufen, versuche ich auch meine Lampe auszuschalten. Aber immer wenn ein Auto vorbeifährt, bin ich blind. Sofort schalte ich die Lampe wieder ein. Das gleichmäßige Licht ist doch besser.

5 km sind geschafft. Es geht jetzt wohl über Felder Die Abstände zwischen den Läufern werden größer. Ich orientiere mich an den Reflektorstreifen meiner Vorläufer. Jetzt weiß ich wofür die da sind. Da sonst nichts zu sehen ist, beginnt mein Kopf zu arbeiten. Eigentlich mag ich Dunkelheit gerne. Aber hier ist es richtig dunkel. Was, wenn ich die Läufer vor mir nicht mehr sehen kann? Was, wenn ich eine Markierung übersehe? In der Starterinfo war klar beschrieben, dass Abzweigungen mit Licht gekennzeichnet sind. Das liest sich gut. Aber was, wenn nun eine Beleuchtung ausfällt. Ich finde nie wieder zurück. Panik macht sich in mir breit.

Ich stelle das Licht höher, so dass ich in die Ferne besser sehen kann. Das macht mich zwar ruhiger, ich kann die Bodenunebenheiten aber nicht mehr erkennen. Also den Lichtkegel wieder runter und schneller laufen, damit ich dran bleibe. Vor km 10 müsste eine Steigung kommen. Ich hatte mir vorgenommen, diese hochzugehen um Kräfte zu sparen. Obwohl ich kein richtiges Zeitgefühl mehr habe, müsste das jetzt bald sein. Ah – ich glaube da vorne kommen die kleinen Lichtkegel von oben. Und ja. Hier scheinen welche zu gehen. Also Tempo raus. Ich werde mutig und schalte meine Stirnlampe aus. Schnell gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Vor mir ist eine dunkle Wolkenwand, aber über mir tausend Sterne. Ich werde ruhiger und meine Angst ist wie weggeblasen. Die Steigung scheint vorbei zu sein. Ich beginne ich zu laufen. Prompt stolpere ich. Total unsicher versuche ich weiterzulaufen. Das geht gar nicht. Also Lampe wieder an.

Beim 10 km-Schild fragt mich ein Läufer nach der Uhrzeit. Ich versuche meinen Garmin abzulesen. Beim dritten Anlauf gelingt es mir das richtige Display zu finden. Eine Stunde und 8 Minuten. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich schneller unterwegs wäre. Kathi hatte also recht, als sie vorher sagte, dass man im Dunkeln langsamer läuft. Jetzt geht es aber erst mal bergab. Aber worauf zuerst konzentrieren? Auf den Verlauf der Strecke um Kurven rechtzeitig zu entdecken. Oder auf den Untergrund um nicht zu stolpern oder gar umzuknicken? Von hinten höre ich einen Läufer näher kommen. Hoffentlich nicht der, der mich nach der Uhrzeit gefragt hat. Den hatte ich ja gerade überholt. Nein. Wer da an mir vorbei läuft, ist wohl eher noch ein Junge. Also wahrscheinlich Staffelläufer. Wir laufen eine Weile nebeneinander. Das ist super wegen des doppelten Lichts. An der Verpflegungsstelle verliere ich ihn aus den Augen. Ich hatte gehofft, dass wenigsten hier genügend Licht sein würde. Ich schalte die Lampe aus, um niemanden zu blenden und finde auch im Dunkeln das richtige Getränk. Die Helfer sagen laut an, was es gibt. Wieder auf der Strecke geht es jetzt ganz gut. Ich laufe die ganze Zeit allein, aber immer in Sichtweite zu den Vorderen. Jetzt werde ich sogar überholt. Schweigsam laufen drei Läufer an mir vorbei. Im Dunkeln glaube ich Ultras zu erkennen (wegen dem Laufstil und der Trinkrucksäcke). Ich häng mich dran. So muss ich mich wenigstens nicht um die Wegmarkierungen kümmern. Die laufen super gleichmäßiges Tempo. Blöderweise kommen wir jetzt in ein Gebiet wo der Boden irgendwie tief ist. Das würde mich zu viel Kraft kosten, wenn ich weiter mitlaufen würde. Ich hab sie aber noch lange im Blick. Ab und zu sehe ich jetzt auch Fahrradbegleiter. Die haben glaube ich bei der Verpflegungsstelle auf ihre Läufer gewartet. Sie verhalten sich sehr rücksichtsvoll.

Ich bin genervt. Das Laufen im Lichtkegel strengt an. Der unebene Boden strengt an. Die Lampe drückt. Das Stirnband ist zu heiß. Meine Hände sind zu kalt. Mir tun die Füße weh.

Als wir nach Ehrbach kommen, schalte ich die Lampe aus. Ich überlege, ob ich es wagen soll sie runter zu nehmen. Krieg ist sie wieder rauf? Ich probiere es und stecke die Lampe in die Jackentasche. Dann kann ja auch das Stirnband runter. Ich ziehe es zum Hals. Ah – viel besser. Die kalte Nachtluft streicht mir durch die Haare, und die Straßenlampen sind hell genug um den Weg zu erkennen.

Stimmungsvoll mit Kerzen markiert ist der Einlauf ins Stadion (oder ist es nur ein Sportplatz?) Ein Helfer weist uns den Weg auf die 400m Bahn wo wir tatsächlich eine Runde laufen müssen. Soll ich mal abkürzen? Gut dass ich das nicht gemacht hab. Da war nämlich eine Zeitmessmatte. Das wär schön blöd gewesen. Hier bei 20 km ist der Wechsel für die 100 km Staffeln. Ich schau kurz nach Kathi. Klar, dass die hier nicht mehr ist. Ich frag nach Salz. Die haben keins – nur Brühe. Dann versuche ich die.  Schmeckt gar nicht schlecht. Ich lasse es aber bei 2 Schluck. Beim Verlassen der Sportstätte bereue ich, dass ich nicht mal eben auf die Toilette gegangen bin. Irgendwie fühlt mein Magen sich nicht so toll an. Auch hier sind wieder Kerzenwindlichter auf dem Boden. Kurze Zeit später bin ich mir unsicher, wie der Weg weitergeht. Ein mir folgender Läufer beschwert sich, dass er gerade zweimal die Runde laufen musste, weil er falsch geleitet wurde. Jetzt sind wir aber auf dem richtigen  Weg. Als wir den Stadion verlassen, werde ich richtig deprimiert. Erst 20 km und noch 30 vor mir. Das geht nicht. Zum ersten mal, seit ich beim Ludwigsburger Citylauf so eingegangen bin (damals waren es 38 °C Abends um 19 Uhr) überlege ich ernsthaft auszusteigen. Ich denke an Günter und Marlies die 100 km laufen, und an Norbert dessen 50 km ja dann auch nicht für unsere 100 Marathons gezählt wird. Trotzdem kann ich nicht mehr.

Da spricht mich ein Läufer von hinten an. Bis jetzt war großes Schweigen auf der Strecke und jetzt das. „Kann ich Ihnen Gesellschaft leisten?“ Schon oft haben mich Gespräche auf der Strecke aufrecht erhalten. Jetzt bloß nicht in Gejammer ausbrechen. Natürlich stimme ich schnell zu. Zuerst stelle ich klar, dass man während eines Lauf per Du ist. Er stellt sich als Jerry vor. Er kommt aus Stuttgart, ist aber momentan Wahl-Ulmer. Er ist für die 100 angemeldet, glaubt aber nicht, dass er es schaffen wird, weil sein Laufkumpel kurzfristig abgesagt hat. Er will im 7er Schnitt bis ins Donaustadion laufen. Meine Chance: 7 schaffe ich eigentlich auch. Wir unterhalten uns weiter, km 25 ist erreicht, es gibt immer noch kein Salz. Da in den Starter Infos von Salz die Rede war, habe ich kein eigenes dabei.

Dafür gibt es Salzstangen, und ich pack mir ein Stück Hefezopf in die Tasche. Langsam wird es anstrengend. Die Beine tun mir ja schon die ganze Zeit weh, aber jetzt meldet sich mein linkes Knie. Hoffentlich geht das wieder weg. Ich merke, dass ich langsamer werde. Aber Jerry läuft weiter mit mir. An der Verpflegungsstelle bei km 30 sage ich ihm, dass ich jetzt ein Stück gehen werde. Da gerade mehrere Läufer vorbei kommen, kann er sich diesen anschließen. Nachdem die Gruppe außer Sichtweite sind, laufe ich auch wieder an, aber in langsamerem Tempo. Jetzt kommt Aussteigen natürlich nicht mehr in Frage. Nur noch ein Halbmarathon

Mein Knie fühlt sich an wie beim Mukilauf. Nicht gut. Ich laufe bis die Schmerzen unerträglich werden; gehe bis sie wieder aufhören und laufe wieder. So überhole ich eine ebenfalls gehende Läuferin, die aber im Gehen ein super Tempo hat. Ich kann sie nur mit Laufen überholen. Und wenn ich gehe, überholt sie mich. Vor km 35 eine richtige Steigung. Alle gehen und oben ist die Verpflegungsstelle. Wieder kein Salz. Das sagt ein Mann zu seiner Frau: sie solle mal das Salz aus dem Wohnwagen holen. Und tatsächlich: bei näherem Hinsehen kann ich im Hintergrund einen Wohnwagen erkennen. Die Frau kommt mit der mir vertrauten Salzpackung zurück, und ich krieg endlich mein Salz; sogar mit Cola. Ein Traum. Jetzt kann mir nichts mehr passieren.

Nach der langen Gehpause kann ich wieder ein ganzes Stück laufen. Als wir von Oberkirchbach nach Unterkirchbach laufen, geht es sogar richtig gut. Die gehende Läuferin hat mir mittlerweile anvertraut, dass sie auch wegen Knie nicht laufen kann. Aber wenn die in dem Tempo weitergeht, ist sie vor mir im Donaustadion.

Die nächste Verpflegungsstelle weckt vertraute Gefühle: Wenn man beim Einsteinmarathon beim Kloster Wiblingen ankommt, ist es nicht mehr weit. Zuerst muss ich stutzen, als ich mich in dieser vertrauten Umgebung wiederfinde. Ich muss mich erst vergewissern, da es bei Dunkelheit natürlich anders aussieht. Aber der Helfer bestätigt mir, dass mein Gefühl ganz richtig ist. Juhu – jetzt ist es nicht mehr weit.

Teile der Strecke kommen mir richtig bekannt vor. Und dann geht tatsächlich die Sonne auf. Zuerst kann man die Donau, an deren Ufer wir laufen, nur erahnen. Ich schalte die Lampe aus. Wirklich: die Umgebung wird deutlicher. Rechts die Donau, links Bäume, der erwachende Wald. Ich stecke die Lampe ein letztes mal in die Tasche. Auf einmal bin ich sehr glücklich bis hier her gekommen zu sein. Ich überhole jetzt die Geherin und laufe längere Stücke. Das Knie schmerzt zwar immer noch. Der Untergrund ist aber gut zu sehen und relativ eben. Trotzdem werde ich noch von 2 Männern überholt. Ich beglückwünsche sie für Ihre Leistung.

Nun sehe ich in der Ferne schon das Münster. Habe also Ulm erreicht. Vom Einsteinmarathon weiß ich, dass sich das letzte Stück extrem ziehen wird. Und genau so ist es auch. Ich glaube zwischendurch, dass ich es heute nicht mehr erleben werde. Die Strecke ist wunderschön. Die letzten Nachtschwärmer und die ersten Hundebesitzer sind unterwegs. Es ist eine ganz einmalige Stimmung, aber ich kann mich aber gar nicht daran erfreuen. Ich will endlich dieses Ziel erreichen.

Was lange währt, wird dann trotzdem gut. Trostlos und verlassen liegt das Stadion vor mir. Den Zieljubel muss ich mir selber vorstellen. Nur ein paar unentwegte Helfer begrüßen mich, als ich die Ziellinie überschreite, die für die 100er nur eine Zeitmesslinie ist.

Ich bin so fertig, dass ich gar nichts trinken will. Aber es gibt Kaffee. Da kann ich natürlich nicht widerstehen. Dazu mehrere Stücke Marmorkuchen. Sofort werde ich gefragt, ob ich den Shuttlebus nutzen möchte. Natürlich möchte ich. Aber ich will auch noch ein bischen sitzen. Kein Problem. Vielleicht kommen ja auch noch mehr Läufer, die mitfahren wollen. Aber das  sind alles 100 km Läufer, die nicht mitfahren wollen. Hochachtung – ich könnte keinen Meter mehr laufen. Auch die Geherin trifft ein. Jetzt sehe ich, dass sie auch ein blaues 100er Schild hat. Ob sie das noch schafft?

Wir sind zu zweit, als uns die freundlichen Zivis (ach ja, die gibts ja gar nicht mehr) vom ASB nach Blaustein zurück bringen. Günter empfängt mich am Halleneingang. Nanu, wieso ist er schon da? Leider muss ich erfahren, dass Marlies und er bei km 50  aussteigen mussten.

Nachdem ich mich in der Halle etwas frisch gemacht habe und Norbert aus dem Schwimmbad zurück ist, gehen wir noch ins Stadion zum Verpflegungszelt. Komisch, normalerweise lassen wir hier den Tag ausklingen. Heute fängt der Tag aber erst an.

Norbert hat für die 50 km 5:02,40 Std gebraucht. Ich 6:32,40 Std.

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Birgit am Juli 5th 2011 in 2011, Ultraläufe

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