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89. COMMRADES MARATHON

 

Der Flug bzw die Flüge verliefen Reibungslos. Bereits in Frankfurt treffen wir auf Klaus und Ulli mit Familie. Auch die anderen „Werner Otto Flieger“ sind da. Vic, ein Einheimischer, Deutschstämmiger erwartet uns am Flughafen in Durban und begleitet unseren Bus zum Hotel. Die ersten Infos über Land und Leute gibt es hier schon.

Unser Hotel Balmoral liegt direkt am Strand. Leider ist unser Zimmer hinten raus. Wenn wir schneller geschalten hätten wäre da vielleicht noch was zu machen gewesen. Seis drum. Wir sind da! Um 14 Uhr machen wir uns unter der Führung von Werner und Mathias zu Fuß auf. Es geht zur Marathonmesse die Startunterlagen abholen. Erste Eindrücke von der Stadt: riesig und laut.

Die Marathonmesse ist auch riesig. Für Internationals, wie wir hier heißen, ist ein extra abgetrennter Bereich mit Schalter. Schnell haben wir unsere Startertasche und den Chip registriert. Alles geht unaufgeregt seinen Gang. Es stehen Kaffee, Tee und Kekse bereit. Klaus kommt dazu. Herzliche Begrüßung. Unser Gespräch wird dauernd gestört. Jeder scheint Klaus hier zu kennen und ist ganz scharf darauf ihn zu begrüßen. Macht nichts, wir sehen uns ja Morgen zur Streckenbesichtigung.

Zum Abendessen will die Gruppe irgendwo mit dem öffentlichen Bus hin. Ich bin müde und möchte lieber im Hotel essen. Draußen sitzen und die Leute beobachten dazu gutes Essen und Wein. Wir haben Urlaub. Es gesellt sich Werner, ein Läufer aus Böblingen zu uns. Früh gehen wir ins Bett.

Der Tag beginnt ebenfalls früh. Klaus hat unsere Gruppe für viertel vor Acht an den Bus bestellt. Die vielen Busse für die Streckenbesichtigung stehen auf der Straße vor Marathonmesse und Hotel Hilton bereit. Unsere Namen werden abgehakt. Auf der Fahrt erfahre ich, dass Klaus zum 20 .Mal hier ist. Nur einmal musste er wegen des Transeuropalaufs aussetzten. Deshalb ist er auch als Botschafter für Deutschlands ausgewählt worden. Er plaudert aus dem Nähkästchen. Kurzweilig verläuft die Fahrt.

In Pietermaritzburg besuchen wir das Comradesmuseum. Hier werden Relikte aus vergangen Tagen ausgestellt. Es ist Knallevoll. Ulli meint, dass er das noch nie so voll erlebt hat und der ist ja auch schon zum 10 Mal hier. Wir stehen ewig in der Schlange und sind trotz interessantem Museum froh, als wir wieder draußen sind. Es gibt ein Fresspaket vom Veranstalter für unterwegs. Dann jetzt kommt ja der wichtige Teil: die Streckenbesichtigung.

Der Comrades geht in diesem Jahr von Pietermaritzburg nach Durban also Downhill. Mit dem Bus im Konvoi mit den anderen Bussen fahren wir auf der stark befahrenen Straße durch den Startbereich. Das Startbanner wird auf stabile Masten gezogen die hier das ganze Jahr stehen. Klaus erklärt wie es übermorgen im Startbereich zugehen wird und worauf man achten muss. Das meiste scheint mir logisch. Troztdem bin ich dankbar für jeden Hinweis. Neugierig studiere ich das Streckenprofil und die Gegend. Vom Bus aus erscheint es mir, als ob es ständig bergauf und bergab geht. Die weite Landschaft ist gelb, ganz anders als bei uns.

Am Waisenhaus und Behindertenheim steigen wir aus. Auch die anderen Busse machen Halt. Wir werden mit Musik begrüßt. Die Kinder und Betreuer haben sich fein gemacht. Sie haben ein buntes Programm mit Musik und Tanz eingeübt. Neugierig betrachten sie uns, und wir gucken genauso neugierig zurück. In der heißen Sonne wirkt das ganze echt afrikanisch. Als sie dann die südafrikanische Nationalhymne anstimmen bleibt kaum ein Auge trocken. Nach den obligatorischen Reden kann nun gespendet werden. Viele Läufer haben Taschen mit Kleidung und Süßigkeiten dabei. Aber auch Geld wird natürlich genommen. Zum Schluss erhält jeder Läufer eine kleine Schraube als Zeichen für Durchhaltevermögen als Glücksbringer. Emotional erfüllt steigen wir wieder in den Bus. Klaus erklärt nochmal, dass diese Einrichtung mittlerweile nur von den Spenden des Laufes lebt, und dass Spenden hier wirklich gut gebraucht werden.

Nächster Halt ist die „Wall of fame“ mit „Arthurs seat“. Jeder Finisher hat das Recht sich auf einem Stein mit seinem Namen hier zu verewigen. Klaus zeigt seinen Stein. Beeindruckt lesen wir die vielen Namen. Die Sieger sind ganz am Anfang, dann geht es Alphabetisch. Wir laufen noch kurz zu Arthurs seat. Dies ist eine kleine Mulde im Fels wo der fünfmalige Commradessieger Arthur Newton auf seinen Trainingsrunden immer Pause gemacht haben soll. Hier soll man während des Laufs eine Blume ablegen und Arthur grüßen, dann wird man den Lauf gut finishen. Hoffentlich verpasse ich die unscheinbare Stelle übermorgen nicht.

Dann geht es weiter. Es wird immer städtischer und plötzlich liegt Durban unter uns. Ein berauschendes Bild mit den Skyline und dem Meer im Hintergrund. Von hier sind es noch knapp 10 Kilometer. Also wenn ich hier bin ist es fast geschafft.

Nach dem Aussteigen führt uns Klaus ins Hilton auf die Toilette. Die gut gekleideten Menschen in der Lobby sind erstaunt, lassen uns aber in Ruhe. Dann geht es noch die 500m zum Kricketstadion, wo der Zieleinlauf stattfinden wird. Hier sind Handwerker dabei letzte Hand an zu legen. Wir testen schon mal den Rasen im Ziel und machen uns mit den Gegebenheiten vertraut. Dann gehen wir zurück zur Marathonmesse. Noch ein bisschen bummeln, etwas essen und dann zurück zum Hotel.

Dass am Abend die Pastaparty unserer Gruppe stattfindet geht irgendwie an uns vorbei. Wir treffen uns dagegen nochmal mit Werner und verbringen den Abend auf der Terasse des Hotels.

Der nächste Tag ist frei. Wir besuchen den Strand. Uh ist das Wasser kalt. Nee, das ist nichts für uns. Am Strand liegen geht auch nicht, es ist so windig, dass der Sand fliegt ,und wir nach ein paar Minuten total paniert sind. Zufällig fällt mir ein Prospekt in die Hände für eine Stadtrundfahrt am Nachmittag. Die Abfahrt des alten Doppeldeckers ist ganz in unsrer Nähe. Das machen wir. So kammen wir mal in ganz Durban rum.

Schon den ganzen Tag ist es sehr windig und extrem heiß. Auch der Wetterbericht für Morgen verheißt nichts Gutes: extreme Hitze ist angesagt. Eigentlich ein Nowum, hier ist ja gerade Herbst. Wir suchen einen Italiener für unser Carbo-loading. Ein paar hundert Meter weiter ist einer. Im Sturm lassen wir uns hinwehen. Und wer ist auch da? Werner, kann das noch Zufall sein? Und dazu noch ein anderes Deutsches Paar. Es wird noch ein lustiger Abend, aber wir sollten ja früh ins Bett.

Mitten in der Nacht müssen wir raus. Frühstück um 2 Uhr ist bereits vorbereitet. Im Frühstücksraum ist es voll. Unterhaltungen laufen spärlich. Jeder ist mit sich selber beschäftigt. Unser Bus wartet um 3 Uhr vor dem Hotel. Alle sind pünktlich. Nochmal entspannen. Andere haben es nicht so gut. Eine Haltestelle der offiziellen Transferbusse ist in der Nähe unsres Hotels. In langen Schlangen stehen die Läufer um in die Busse zu kommen.

In Pietermaritzburg ist der halbe Ort gesperrt. Der Busfahrer lässt uns irgendwo raus. Wir folgen den Massen. Die Straßenbelecuhtung tauch alles in ein gespenstisches Licht. Ich versuche Norbert nicht zu verlieren. Wir bewegen uns von vorne auf den Startbereicht zu. Da vorne ist der Start. Ich mache ein Foto, es ist aber zu weit weg.

Wir werden um die weiträumige Absperrung geleitet. Dann kommt ein Tor wo die Startnummern kontrolliert werden. Hier dürfen nur Läufer rein. Immer noch hab ich keinen Plan wo wir hin müssen. Da sind die Toiletten. Wir stellen uns an. Eine Viertel Stunde später können wir weiter und erreichen den Startblock A. Hier sind haben sich bereits die ersten mitten auf der Straße niedergelassen. Zum Start ist es noch eine gute halbe Stunde. An Norberts Startblock c verabschieden wir uns. Bis bald heil im Ziel!

Ich erinnere mich an die Infos und den Plan des Startbereichs den ich mir vorher angeschaut hatte und finde die LKWs für die Taschenabgabe. Normalerweise wird in Südafrika eine geordnete Schlange gebildet. Davon kann hier keine Rede sein. Jeder drängt sich so gut es geht voran. „Internationals“ haben den Vorteil, dass die Tasche bereits mit einer lilanen Nummer gekennzeichnet ist, und später separat aufbewahrt wird. Die anderen müssen jetzt ihre Tasche mit Startnummer beschriften. Das dauert natürlich. Und dann drängen auch noch welche von vorne seitlich rein. Da wird mancher meiner Leidensgenossen ganz schön ungehalten.  Es ist aber nicht so schlimm wie in Athen, wo ich kurz Platzangst hatte. Nachem ich die Taschen los bin suche ich die  nächste Toilette. Eine ewige Schlange ist davor. Für mich spielt das keine Rolle. Die Startblöcke werden eine Viertel Stunde vor dem Start geschlossen, aber der hinterste bleibt bis zum Schluss offen. Und das ist sowiso meiner. Zur Not starte ich halt später. Wir haben ja den Championchip (obwohl für das Zeitlimit von 12 Stunden ja Bruttozeit gilt). Es geht ewig langsam. Vor mir sind Läufer aus dem Startblock B. Wir können die Ansagen zwar nicht hören aber normalerweise sind die zu spät.

Irgendwann bin ich dann auch dran. Der Eingang zu meinem Startblock ist ganz in der Nähe. Nanu, hier ist keiner mehr. Scheinbar sind sie alle aufgerückt. Schnell suche ich Anschluss.

Die Stimmung hier ist einmalig. Plötlich beginnen alle zu singen. Das Bergarbeiterlied „Shoholoza“ gesungen von einem Chor von 18 000 Stimmen – jemand der nicht dabei war kann es sich nicht vorstellen. Ich bin mittendrin. Ein unbeschreibliches Gefühl aus Freude und Dankbarkeit teile ich mit den anderen. Dann noch die Nationalhymne. Ich versuche so weit wie möglich nach vorne zu gehen. Spontane Umarmungen und Glückwünsche für den Lauf werden ausgetauscht. Dann kommt noch „Chariots of fire“ aus der Konserve. 5 Uhr 30. Der Hahn kräht zweimal und es geht los.

Hier soll dann ein Startviedeo rein sobald ich weiß wie das hochladen geht.

Natürlich steht es zunächst. Irgendwann können wir im gemütlichen Schritt nach vorne gehen. Wir erkennen eine riesige Viedeoleinwand auf der wir die startenden Menge bereits laufen sehen. Links sind Tribünen aufgebaut. Nur schemenhaft ist die Masse des Publikums zu erkennen. Der tausendfache Piep beim überqueren der Zeitmessung gibt den entgültigen Startbefehl. Wir laufen.

 

Ich bin zunächst erleichtert. Ich habe es bis hierher geschafft. Nun muss ich bloß noch heil durch kommen. Schon vor dem Start habe ich mich meines Sweat Shirts entledigt um das Geraffel beim ausziehen während des Laufens zu sparen. Es ist frisch aber nicht kalt. Ich laufe konzentriert mit extrem angehobenen Füßen. Die Straße ist übersäht mit Tüten, Flaschen und Kleidung. Ulli hatte sich mal in so einer Tüte verfangen und ist auf die Nase gefallen. Es geht leicht bergab. Am Friedhof ist für viele die erste Pinkelpause. Es kommt zu unkoordinierten Richtungswechseln einzelner Läufer. Ich hab das Gefühl, dass mein linker Schuh offen ist. Unter einer Laterne gehe ich auch mal kurz raus. Nein, der Schuh ist zu aber wohl zu locker gebunden. Vielleicht muss ich den mal unterwegs nachziehen.

Es geht scharf links und wir verlassen den Ort. Gleichzeitig gibt es keine Straßenbeleuchtung mehr. Wir laufen in eine dunkles Loch. Nach kurzer Desorientierung geht es gleich wieder. Der Asphalt scheint rauh, da ist immer noch Füße heben angesagt. Es geht bergab. Um sieben geht die Sonne auf. Etwa eine halbe Stunde lang laufen wir einem unglaublich orangenem Himmel entgegen. Am Anfang bin ich einfach im Pulk mitgelaufen. Jetzt sieht man besser und ich wechsele auf den Seitenstreifen, wo es eine Art Radweg (fährt hier jemand Fahrrad?) gibt. So kann ich bei denSteigungen gehen ohne Andere zu behindern. Immer wieder stehen Zuschauer und winken, singen oder klatschen. Einmal sitzen Leute um ein großes Feuer und scheinen gemütlich zu Frühstücken.

Die erste VP lasse ich aus. Ich muss mich darauf konzentrieren bei all dem kreuz- und quergelaufe nicht zu Fall zu kommen. Der Boden ist übesäht mit Müll. Erst an der zweiten traue ich mich, mal zu schauen wie das funktioniert. Es werden Plastikschläuche mit Wasser und Iso angeboten. 200ml pro Tüte sagte Klaus glaub ich. Wie kriegt man die Dinger auf? Mit den Fingern geht es nicht. Ich beiße hinein und habe ein Stück Tüte zwischen den Zähnen. Wenigstens ist es nun offen. Mit der Zeit finde ich heraus, dass man aus einer kleinen Öffnung den Inhalt gut heraussaugen kann ohne sich zu verschlucken. Das geht dann auch beim Laufen. Besser als aus dem Becher wie bei uns.

Gemein sind die Tüten die auf dem Boden liegen. Die Helfer haben oft vier, oder fünf Stück in der Hand, der Läufer nimmt aber nur einen, der Rest fällt auf den Boden. Wenn eine anderer darauf tritt spritzt der Inhalt in alle Richtungen. Bei dem dichten Feld trifft es immer irgend jemanden. Ich schimpfe leise in mich hinein, bis ich selber mal auf eine trete. Sorry, keine Absicht.

Es ist nun richtig hell und ich habe Gelegenheit meine Mitläufer zu analysieren. Hellhäutige und dunkelhäutige scheinen sich die Waage zu halten. Alle möglichen Trickots sind unterwegs. Einige haben eindeutige Länderkennzeichen. Auch verkleidete Läufer sehe ich.  Mir fallen hauptsächlich Australische  und Europäische Trickots auf obwohl das laut Statistik gar nicht so viele sein können. Es gibt, für so eine lange Strecke auffällig, viele füllige Läufer.

Die Kilomerter sind einzeln markiert. Meterhohe Schilder weisen darauf hin. Die Zählung erfolgt Rückwärts. Ich nehme die hohen Zahlen am Anfang nur als Info auf. Sich zu überlegen wie weit das noch ist, hat gar keinen Sinn. Die VPs sind meist mit bunten Ballons geschmückt, schon von weitem zu sehen. Mindestens alle drei Kilometer kommt eine. Da muss man schon aufpassen, dass man sich nicht übernimmt. Es wird zwar spürbar wärmer, aber soviel trinken muss man noch nicht. Was es zusätzlich zu Wasser, Iso und Cola gibt ist ein bisschen Glücksspiel. Jede VP wird von einer anderen Gruppe geführt und das Angebot wird denen überlassen. So bin ich überrascht, dass es schon bald die ersten Organgenschnitze angeboten werden, obwohl in der Ausschreibung von essen erst viel später die Rede war. Ich habe vorsorglich etwas trockenes Brot vom Frühstück dabei, dann mein eigenes Gel und Früchtereigel von Zuhause. Noch zwei Fläschchen Kaffee mit Zucker ein zweiter Fotoapparat und eine Packung Taschentücher – das muss reichen.

Das Gebiet der riesigen Hühnerfarmen ist erreicht. Vom Bus aus hat man das Ausmaß der „Hühner KZs“ erkennen können Jetzt besticht der Geruch. Ein übler Gestank liegt in der Luft. Obwohl es bergauf geht versuchen alle so schnell wie möglich die Tristesse hinter sich zu lassen. Vor uns sind rote Ballons zu erkennen. Das ist unser Ziel. Schnell laufen wir in eine kleine Senke um dann bergauf die Allee von roten Fahnen zu genießen. Hier bei km 70 (noch zulaufen) steht das Fernsehen. Der Lauf wird live 12 Stunden lang übertragen. Wir winken und lachen in die Kamera.

Ich überhole eine Nickolaus mit brasilianischer Flagge. Den werde ich noch öfters sehen. Hinter km 66 überholt mich ein Läufer mit Fahne. Das scheint ein Zugläufer zu sein. Dann kann ich vorne eine bekannte Gestalt ausmachen: Klaus ist mit einer Läuferin vor mir. Ich komme näher, dann kann ich auflaufen. Erst bemerkt er mich nicht. Dann ist die Freude groß. Ein Stückchen laufen wir zusammen, dann lasse ich ihn ziehen. Wie immer ist er einfach zu schnell für mich.

Ein Schild weist auf den Cutt off bei km 30 hin. hier muss man um 10 Uhr 40 durch sein. Ich hab noch massig Zeit. Das war aber auch klar, wer hier schon Probleme hat kann das Limit gar nicht schaffen. Die Infoschilder sind so gestellt, dass man noch einen Kilometer zeit hat  evtl. etwas schneller zu laufen um das Limit noch zu schaffen, sehr gut gelöst. An der VP beim Cutt off ist Volksfeststimmung. Es geht unter einer Brücke unter der Autobahn hindurch und dann ein längeres Stück parallel. Hier haben doch tatsächlich Leute ihr Fahrzeug auf der Autobahn abgestellt. Das wäre bei uns undenkbar.

Mich beeindrucken diese Mengen von Zuschauern. Die Gegend kann noch so einsam sein, immer wieder stehen welche und lachen und klatschen. Die Frauen stoßen diesen hohen Ton aus, den man von Filmen über Afrika kennt. Obwohl es immer heißer wird habe ich oft Gänsehaut.

Bei km 50 erreichen wir die Behinderten Schule. Hier sind alle versammelt und trommeln und feuern uns an. Ich klatsche hunderte von Kinderhänden und bin viel zu schnell. Ganz außer Atem bin ich froh, diesen „Fan hot spot“ hinter mir zu lassen. Ich muss erst mal ausschnaufen, und das geht auf der folgenden Steigung ganz gut. Ich bin ziemlich platt, freue mich aber, das das so spät kommt. Normalerweise habe ich das schon bei km 20. Scheinbar bin ich heute gut drauf.

Jetzt ist schon eine Vier auf den Kilometerschildern und die Halbzeit naht. Wir überqueren eine Hügel und unten in der Kurve lachen weiße und blaue Farben in der gelben Landschaft. Es geht bergab. Immer näher kommt weiß/blau. Stellt Euch vor ihr kommt bei Eurem Heimlauf als Sieger ins Ziel. So ist das hier. Die Musik spielt ausgelassene Rythmen, Helfer feuern uns an,  unzählige Zuschauer jubeln. Und das ist erst die VP. Jetzt geht es in eine Allee aus Fahnen, die von Zuschauern gesäumt ist. Ein Moderator begrüßt die Massen, die hier aber schon Stundenlang vorbeikommen. Er beglückwünscht uns zum bestandenen Limit, und meint dass wir es auf jeden Fall schaffen werden. Zur Bestätigung echot ein hundertfaches piep der Zeitmessung. Ich fliege (so gut es bei dem Gedränge halt geht)!

Die Gegend wird bergig. Beim nächsten Bergaufstück sieht es aus wie bei der Tour de france: Zelte und Wohnwagen stehen an der Straße. Die Menschen sitzen davor und feuern uns an. Jemand hat unter einem Partyzelt eine leistungsfähige Musikanlage installiert und steht davor um über Mikrofon alle Vorbeikommenden zu begrüßen. Wenn man bedenkt, dass wir ja relativ weit hinten sind eine großartige Leistung.

Ein älterer Mann läuft im Anzug, die Startnummer ans Jacket gepinnt und eine große Blume am Revers. Das erinnert mich an Arthurs Seat. Der müsste jetzt kommen. Blumen gibt es hier aber nicht. Ich pflücke ein grünes Ästchen von einem Srauch. Hinter der nächsten Ecke erkenne ich den unscheinbaren Platz, werfe meinen grünen Gruß auf den Blütenhaufen und weiß nicht mehr, was  man sagen muss. Mir fällt nur „guten Morgen“ ein. Gut gelaunt laufe ich weiter. Vor der Wall of fame sind alle Plätze belegt. Hier wird gezeltet, gegrillt, gefeiert.

Es ist heiß. Die Wolken sind verschwunden und die Sonne brennt vom Himmel, Schatten ist mangelware. Selbst unter Bäumen gibt es keinen. Ich nehme mir wieder einen Tipp von Klaus zu Herzen: erst das Wasser zum kühlen verwenden, dann trinken. Ich hole mir am ersten Stand der VP ein Wasser zum trinken, und am letzten noch drei Beutel zum kühlen. Den ersten spritze ich direkt auf den Kopf. Einer kommt in den Nacken den anderen behalte ich in der Hand. Nach zwei Kilometern ist das Wasser zu warm und ich trinke den Rest. Dann kommt schon wieder die nächste VP und es geht von vorne los. Das Wasser ist nämlich eisgekühlt.

Das tändige Duschen mag meine Kamera gar nicht. Der Verschluss hängt. An der nächsten VP tausche ich mit der stabilen, die ich zur Vorsicht noch im Rucksack habe. Sicher ist sicher. Bergauf werde ich ständig überholt. Schon von weitem kann ich den die Kommandos der Zugläufer hören. Das ist nicht wie bei uns, wo die nur als Orientierung dienen. Beim Commrades ist es ihre Aufgabe die Läufer auch tatsächlich ins Ziel zu bringen. Mit Diversen Kommandos und Motivationssprüchen wird ein Gruppengefühl hergestellt.  Es erinnert an den militärischen Sprech- oder Wechselgesang. Der Leader fragt, die Gruppe antwortet. Das macht Spaß und man vergisst darüber die Anstrengung. Zumindest manchmal. Mir fällt auf dass zumindest bei den Bussen (das heißt hier so) für die 12 Stunden regelmäßig gegangen wird. Und zwar unabhängig davon, ob es begauf oder bergab geht. Bergab gehen? Das geht gar nicht. Dafür wird dann aber bergauf gelaufen. Das ist nichts für mich. So kommt es, dass ich von allen drei 12 Stunden Bussen überholt werde. Keine Panik, ich bin in der Zeit. Also muss es trotzdem klappen.

Ich komme gerade am km 39 Schild vorbei, da überholt mich ein Auto mit Zeitmessung 6:34,40 Std. Ein knapper Marathon und noch fast 5 einhalb Stunden. Das muss reichen.

Wegen der zu erwartenden Hitze hatte ich auf das auffällige Germany Shirt verzichtet. Trotzdem werde ich dauernd angsprochen. Mein Name schein mich als Deutsche zu verraten. Eine Südafrikanische Läuferin begrüßt mich überschwenglich, andere erzählen von ihren beruflichen Kontakten nach Deutschland, ander freuen sich einfach. Auch Zuschauer rufen mir oft das eine oder andere Deutsche Wort zu. Ich bin jedesmal erstaunt, und glücklich. Da steht eine Frau mit rieisger Kuhglocke. Als ich ein Bild mache begrüßt sie mich sofort auf Schweizerisch.

In Hills Crest erwartet uns die Werner Otto Gruppe.  Dann sind es nur noch knappe 35 Kilometer. Mittlerweile stehen viele Zuschauer und bieten Essen und Getränke an. Ich erwische einen Eiswürfel. Was macht man damit? Im Mund ist er zu groß. Ich will ihn unter die Mütze stecken da fällt er mir aus der Hand. Fast hätte ich die Gruppe verpasst. Da ist die gelbe Fahne, da stehen die bekannten Gesichter, schwupp schon sind sie vorbei.

Den Cutt Off bei km 60 liegt bei 8:30. Zufällig kommt gerade eine Zeitmessung vorbei. 7:40 zeigt diese. Super.

Bei km 28 werde ich plötzlich von hinten angesprochen. Ich muss Klaus unbemerkt überholt haben. Jetzt kommt er von hinten. Es geht ihm gar nicht gut. Er hat vor bei diesem Bus zu bleiben und gemütlich ins Ziel zu joggen. An der VP verlieren wir uns. Dann sehe ich ihn plötzlich wieder vor mir. Er hat sich zu ein paar Cheerleadern gestellt. Schnell ein Foto.

Dieser Streckenabschnitt ist kurzweilig. Immer wieder werden kleine Attraktionen mit Musik und Tanz für Zuschauer und Läufer geboten.

Die Straßen werden bereiter und es geht lange Strecken bergab. Jetzt schlägt meine Stunde. Ich überhole, und das ist nicht übertrieben, hunderte von Läufern. Auch die Busse hab ich hinter mir gelassen. An den VPs war es so eng, dass sogar mal das Wasser aus war. Hier vor den Läufermassen geht es ruhiger zu. Alles ist im Übermaß vorhanden und auch die Ausgabe ist gechillt. Ich sehne das Ziel herbei.

Bei km 20 ist der letzte Cutt Off von 15  Uhr 30. Es ist 14 Uhr 44. Ein knapper Halbmarathon und noch 2 dreiviertel Stunden Zeit. Juchuuuuuu!!!!!!!!!

Vor uns liegt der letzte steile Anstieg. Noch einmal werde ich vom Bus eingeholt. Hier ist der Leader eine Frau. Kann es sein, dass sie schon ein bisschen heiser ist? Man bedenke diese Wahnsinnsleistung: Im Ziel werden es 90 konstant gelaufene Kilometer sein. Zu jeder Zeit hellwach und konzentriert die Gruppe motivierend. Meine Hochachtung zu dieser unglaublichen Leistung.

Am Anstieg wieder dieses „Tour De France-feeling“. Die Menschen stehen dicht gedrängt, viele mit Wohnmobil und Zelt. Immer noch Jubel und ausgelassenes feiern. Die müden Läufer werden den Berg hinauf gepeitscht. Erleichtert wird das ganze durch die Fahnen und Musik die alle paar Meter motivieren.

Bergab versuche ich wieder locker zu werden. Die langen Serpentinen sind super zu laufen. Wir sind nun definitiv auf der Autobahn. Viele Schlachtenbummler stehen am Straßenrand.

Noch 12 Kilometer. Jetzt nicht nachlassen. Die Zeit ist gut aber meine Beine wollen nicht mehr. Egal,

Tendenziell geht es bergb, Optimal für mich ich warte auf die schöne Brücke, ab wo man die Aussicht auf die Skyline von Durban bekommt.

Da ist ein Brücke, nein, das ist nicht die richtige, da noch eine Brücke, immer noch nicht die richtige. Nochmal ein Cutt off, kein Problem.

Das Feld ist jetzt wieder dichter, ganz anders als normalerweise. Oft laufe ich die letzten Kilometer allein. Heute bin ich am Überholen. Ein tolles Gefühl.

Musik liegt in der Luft, ein großes Luftballonbanner ist über die Straße gespannt, es geht nochmal leicht bergauf.

Da ist die Brücke. Tatsächlich stehen da auch Zuschauer, die uns anfeuern. Ein unglaublicher Anblick……

Um mich herum gehen nun die meisten. Wie gerne würde ich auch gehen. Meine Beine sind total fertig, mir tut alles weh. Aber es geht bergab, da wird nicht gegangen.

Wir laufen in die Innenstadt. Menschenmassen stehen am Gitter mit dem die Laufstrecke abgesperrt ist. Ich versuche mich nochmal zu motiverien und das Umfeld zu genießen. Nachden letzen Kilometern voll Emotionen ist leider die Luft raus. Mühsam kämpfe ich mich vorwärts. Wo ist das Ziel?

Ich muss gehen. Kurz ausschnaufen. Am Hilton vorbei weiß ich, dass das Ziel nun wirklich nahe ist. Noch zwei Kurven, dann geht es ins Stadion. Die Uhr zeigt 11:33. Der Fotoakku ist leer.

Das Stadion gleicht einem Hexenkessel. Wahnsinn. Links im Innenraum stehen die gefinishten Athleten, links auf den Tribünen die Angehörigen und Fans. Sowas gibt es kein zweites Mal. Auch die anderen Läufer sind geflasht. Noch zwei Kurven dann liegt das ersehnte Ziel vor mir. Ich habe es geschafft.

Jetzt bloß nicht zusammenbrechen. Jemand beglückwünscht mich ,nimmt mich am Arm und führt mich zur richtigen Medaillenausgabe. Dann gibt es Getränke. Ich bahne mir den Weg und greife zu einer Flasche Iso. Auf dem Weg zum Internationalsbereich treffe ich Norbert. Er führt mich zu einem Stuhl, den Werner Otto für mich frei gehalten hat. Endlich sitzen. Allgemein erleichterte Stimmung. Auf der großen Videoleinwand kann man die Einläufe beobachten. Die Busse laufen ein. Das Stadion tobt.

Fünf Minuten vor Zielschluss raffe ich mich noch mal auf. Mit vereinten Kräften wuchte ich mich auf einen Stuhl. Wir schreien die letzten Finisher ins Ziel. Dann wir heruntergezählt. 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 Fertig. Die Läufer die noch auf der Bahn sind, laufen aus. Vermutlich werden die meisten schon gewußt haben, dass sie es nicht schaffen werden. Richtige Dramen bleiben aus. Immerhin haben sie ja die Strecke bewältigt.

Wir besuchen noch das Essenszelt. Ich kann gar nicht zugreifen, bin einfach müde. Langsam brechen wir auf. Die Ausgänge sind verstopft, es geht nur langsam voran. Zum Hotel sind es ca 10 Minuten. Nach dem Duschen treffen wir uns zum Abendessen. Alle sind müde und Glücklich. Alle Werner Otto Läufer haben es geschafft.  Glückwünsche werden nochmal ausgetauscht. Dann geht es ins Bett.

Vormittags verabschieden wir die Gäste, die die Anschlussreisen gebucht haben. Norbert und ich versuchen eine Zeitung zu bekommen. Hier sind die Ergebnislisten enthalten. Nach vergeblichen Versuchen treffen wir zufällig ( Norbert hat sein Comrades Shirt an) einen Einheimischen Läufer, der uns zu einem Supermarkt führt wo es noch eine Zeitung gibt. Wir tauschen uns aus und der Südafrikaner sagt uns, dass man sich in seinem Land erst „Läufer“ nenne darf, wenn man den Comrades gefinsisht hat.

Wir werden um die Mittagszeit abgeholt und zum Flughafen gefahren.

 

 

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Birgit am August 6th 2014 in 2014, Ultras

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