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10. Röntgenlauf

Bericht bei trailrunning: http://www.trailrunning.de/laufberichte/roentgenlauf/wo-die-berge-hoch-ragen-der-amboss-erklingt-/2260

27.10.2013

Seit Anfang der Woche warnt der Wetterdienst vor Unwetter am Wochenende. Starke Stürme sind angesagt. Hoffentlich geht das gut. Wir müssen am Vortag anreisen, dann gibts keine Zurück.

Es ist bereits dunkel als wir im Remscheider Stadtteil Lennep ankommen. Der Parkplatz am Sportzentrum ist voll. Wir folgen dem Licht und stehen bald im Vorraum der Sporthalle. Hier wird an langen Tischen gegessen, getrunken und geratscht. Die Startunterlagen gibt es in einer weiteren Halle. Die Helfer sind entspannt. Jedem Problem wird geholfen. An der Ausgabe der Funktionsshirts werden Größen verglichen. Es gibt Äpfel, gleich Kistenweise.

Wir verzichten auf das Angebot für kleines Geld Nudeln zu bunkern und machen uns auf den Weg zum Mercure Hotel. Das Haus hat für Läufer einen günstigen Übernachtungstarif. Der Portier erklärt uns den Weg zur nächsten Pizzeria: „10 Minuten links Richtung Zentum, kann man gar nicht verfehlen.“

Das Hotel liegt im Industriegebiet in Sicht- und Hörweite einer vielbefahrenen Straße. Da enlang wollen wir natürlich nicht laufen und suchen einen Weg parallel. Das erweist sich als nicht so einfach; Erst nach mehr als 20 Minuten, als wir schon umkehren wollen, erreichen wir belebtere Straßen. Hier treffen wir einen Schwaben, der schon länger in Remscheid lebt und uns den richtigen Weg zeigt, nicht ohne uns für den morgigen Tag die Daumen zu drücken.

Halb verhungert nehmen wir die erste Pizzeria die auf dem Weg liegt. Es ist ein Glücksgriff. Eine niedliche kleine Gaststube mit liebevoller venezianischer Deko und übersichtlicher Karte ist genau das richtige für uns. Die Pizza ist o.k., das Bier süffig, die Tischnachbarn Sportler aus der Walking-Fraktion, die Norbert morgen treffen wird. Auch die Familienfeier vom anderen Nebentisch wünscht uns Glück für den morgigen Tag, obwohl wir bis dahin noch gar nicht mit denen gesprochen haben. Wir sind total überrascht, wie viel Anteil an diesem sportlichen Event genommen wird.

Das Frühstück ist phantastisch. Es gibt alles was man sich nur wünschen kann. Ich bleibe allerdings bei meinem gewohnten Müsli mit Kaffee. Dazu treffen wir auch gleich Bekannte. Über Nacht hatte es geregnet und es ist schon ganz schön windig. Wir überlegen ob wir den Shuttle nutzen.  Nein, wir probieren direkt am Sportzentrum einen Parkplatz zu finden. Und es klappt.

Die Ultraläufer können ihr Gepäck unbürokratisch in der Halle lassen. Bis kurz vor dem Start überlege ich welche Kleidung wohl angemessen ist. Wenn der Wetterbericht recht behält wird es regnen und bei dem Wind wird das dann schnell kalt. Aber dann kommt gerade die Sonne raus also  lasse ich die Jacke da.

Im Startbereich ist es voll. Wir sind wegen der unendlichen Toilettenschlange ziemlich spät dran, der Startschuss ertönt und es geht los.

Zuerst geht es Richtung Zentrum. Dazu müssen wir den Berg hinauf. An einer Engstelle gibt es einen kurzen Stau. Dann können wir im lockeren Tempo auf einer geperrten Straße leicht bergab die Lenneper Vorstadt genießen. Viele Zuschauer säumen den Weg und feuern uns kräftig an. Hier müssen wir nachher wieder zurück und sind entsprechend gespannt, wann die ersten Läufer entgegen kommen.

Da kommt auch schon der Erste, der Zweite und dann vereinzelt immer mehr. Das sind Halbarathonläufer. Irgendwann mischen sich auch Marathonies darunter und sogar die ersten Ultrläufer sind dabei. Man erkennt das an den verschiedenfarbigen Nummernschildern.

Kurz vor dem Zentrum trennen sich die Strecken, wir laufen nun in einer Schleife durch die historische Altstadt. Trotz den Kopfstenpflasters und des noch dichten Läuferfeldes kann ich die alten Fachwerkhäuser bewundern. Dann geht es das ganze Stück wieder zurück, nun leicht bergauf. Ich nehme Tempo raus. Norbert verabschiedet sich und läuft nach vorne.

Ich bin gut drauf, genieße den Herbstwind der Herden von Blättern in die Lüfte hebt, die Sonne scheint, die Luft ist frisch. Klaus-Peter kommt von hinten und gibt kurzen Bericht vom Schwäbisch Alb Marathon der Gestern stattfand. Es war wohl ziemlich warm. Nun, das wird heute wahrscheinlich nicht das Problem sein.

Wir kommen am Startbereich vorbei. Jetzt führt der Weg direkt zum Röntgenweg, der um Remscheid herum führt. Inzwischen sind die Walker gestartet. Die werden wir demnächst überholen. Von den letzten Zuschauern bejubelt verlassen wir den Ort. Es geht bergab. In weiter Ferne können wir das Feld der Schnelleren erkennen. Sie laufen in einen Regenbogen. Wie romantisch, so was sieht man nicht alle Tage. Es geht wellig auf Asphalt entlang. Schon ist die erste VP erreicht.

Peter kommt von hinten. Als versierter Ultraläufer und Mitorganisator des Laufs inspiziert er gewohnheitsmäßig die Strecke aus Läufersicht. Gerade gratuliert er einem Läufer zum Geburtstag.

Wir verlassen die Straße und kommen auf einen Wiesenweg. Plötzlich geht es im Wald steil bergab. Der Weg wird hier matschig und steinig. Unten in der Linkskurve stehen Helfer, die die Läufer abbremsen und in die richtige Richtung weisen. In der Ferne oben tront ein hoher Wasserturm über dem Wald. An ihm können wir uns orientieren. Eine große Herde Fleckvieh steht am Zaun ihrer Weide und begutachten die Läufer. Und die Läufer gucken zurück. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Das sieht schon richtig dämlich aus. Es geht von Helfern gesichert über die Straße.

Kurz vor km 10, der Wald ist schon in Sicht, fängt es an zu regnen. Toll, das hätte auch noch warten könnne bis wir die Bäume erreicht haben. Unter den kahlen Ästen merken wir, dass dies nichts gebracht hätte. Der Regen macht aber nichts aus, mir war eh schon warm geworden und ich seh es als willkommene Kühlung.

Bei km 11 steht die nächste VP bereits wieder im Ort. Die komplette Strecke ist perfekt markiert, an jeder Straßenquereung stehen Helfer. Unglaublich bei diesem langen Kurs. An vielen Stellen gibt es Zuschauer. Jeder Läufer wird gefeiert. Gerade laufen wir über den Parkplatz eines Ausflugslokals, das steht eine Percussionsgruppe und macht unermüdlich Rythmus. Irgendwann hört es dann auf zu regnen.

Wir sind schon bei km 15. Die VP steht am Fuße eines längeren Anstiegs. An beiden Seiten der Strecke gibt es Getränke. Das ist topp organisert. Immer noch ist das Feld für mich ungewohnt dicht. Die Helfer sprechen jedem Mut zu. Oben hat man einen tollen Blick auf das Zentrum von Remscheid mit seinen markanten Türmen, das von der Sonne beschienen da liegt. Ein starker Wind schiebt uns in den Wald. Bisher hat man ihn gar nicht bemerkt. Auf dem folgenden Stück kommt er manchmal von vorne, manchmal von hinten, aber eigentlich ist er nicht störend.

Vor dem nächsten Anstieg, einem richtigen Trail, haben Helfer einen Getthoblaster aufgestellt. Die harten Beats peitschen uns den Berg hinauf. Oben sollte eigentlich die Prosecco-VP sein, scheint aber dieses Jahr auszufallen – schade. Dafür geht es wieder steil bergab.

Unten im Wald laufen wir am Bächlein entlang. Es geht wellig dahin. Eine Abwechslung ist die Straßen und Parkplatzüberquerung beim Gasthaus Zillertal. Dann hat uns der Wald wieder. Kurze Zeit später hören wir Lautsprecherdurchsagen. In R-Hasten ist das Ziel der Halbmarathonies. Wir laufen rechts vorbei, nicht ohne den Applaus der Zuschauer mitzunehmen.

An der nächsten VP gibt es Bananen. Ich mach kurz Pause. Jetzt merkt man, dass es auf der Strecke ruhiger wird. Ich treffe nochmal ein Geburtstagskind. Die Läuferin in Rot hat sich den Lauf selber zum Geburtstag geschenkt.

Als nächstes Higlight führt der Weg durch alte Industrieanlagen. Ansonsten verläuft der Weg wellig und kurvig im Wald. Schon beim erreichen der Halbmarathonmarke habe ich festgestellt, dass mir etwas die Zeit wegläuft. Obwohl ich nicht trödle rückt der Cut off näher. Im Gegensatz zum Voralpenmarathon lasse ich mir diesmal die Laune nicht verderben. Das wird schon reichen.

Hinter km 30 ist mein Fotoakku leer. Ich hab zu ersten Mal einen Ersatzakku dabei. In einer Steigung versuche ich den zu wechseln; das klappt! Nun kann ja nichts mehr schief gehen. Ein Helfer sagt, dass es noch 500 m zur nächsten VP sind. Dann kommt die „Nordwand“ ein extrem steiles Stück bergauf. Ich muss mich an den Stahlseilen bergauf ziehen. Waren wirklich 500 m bergauf gemeint? Irgendwann sind wir oben – dann geht es wieder bergab. Die Pause an der VP haben wir uns wirklich verdient.

Das Aussichtsschlösschen lasse ich rechts liegen. Soviel Zeit habe ich wirklich nicht, und Aussicht wird sowieso überbewertet. Die riesige Eisenbahnbrücke über das Tal kann man dagegen nicht übersehen. Wir laufen drunter durch und bestaunen das monumentale Bauwerk. An der nächsten VP schüttet es dann wie aus Eimern. Es gibt leckere Müsliriegel, und Zuspruch durch die Helfer. Langsam wird mir jedoch kalt. Ich muss wegen der dauernden Steigungen viel gehen. Bergab kühlt dann der Fahrtwind. Ob ich beim Marathon aussteige? Der Cutt off ist fast nicht mehr zu schaffen, und immer noch geht es bergab und bergauf.

Plötzlich steht da ein Schild:“nur noch 1km“! Ok, das ist in der Zeit noch zu schaffen. Es geht bergab. Locker erreiche ich das Freibad Eschbachtal 5 Minuten vor Cutt off. Hier ist ein Moderator dabei, jeden Ankömmling mit Namen aufzurufen. Ich werde begrüßt. Als ich ein Foto mache werde ich sofort als Spaßläufer entlarft und der Sprecher wünscht mir noch viel Spaß auf den letzten 21 Kilometern. Dann bin ich an der VP. Kein Gedanke mehr an Aussteigen. Die Weißbrotscheiben sind echt Lecker.

Es geht hinter dem Badhäuschen vorbei über den Parkplatz. Hier stehen die Schuttelbusse für die Marathonläufer. Ich bin froh, dass ich da nicht einsteigen muss. Nur noch ein Halbmarathon, dann bin ich aus eigener Kraft die ganze Strecke um Remscheid gelaufen!

Ein schmaler Trail nimmt uns auf. Es geht am Bach entlang. Weiter laufen wir auf breitem Waldweg. Irgendwann geht es mitten im Wald Treppen hoch. Oben sehe ich, dass wir auf Höhe eines Stausees sind. Das kann noch nicht die Eschbachtalsperre sein. Aber schön ist es hier. Etwas erhöht laufen wir weiter. Plötzlich öffnen sich die Bäume und der See liegt unter uns. In diesem Augenblick kommt die Sonne raus. Was für ein magischer Moment.

Im Wald geht es weiter immer bergauf. Wir erreichen einen kleinen Ort. In einem alten Eisenbahntunnel ist die Verpflegung. Hier stehen die Helfer zwar regengeschützt, aber im Wind. Das ist sicher kein Vergnügen, trotzdem feuern sie uns an.

Durch das kleine Industriegebiet verlassen wir den Ort. Immer noch stehen Helfer und sichern die Straßenüberquerung, obwohl die Läufer hier in großen Abständen eintreffen und es so gut wie keinen Verkehr gibt. Vor uns liegt ein niedlicher kleiner Weiler in der Sonne. Ein riesiges Windrad im Hintergrund rundet die Idylle ab. Es geht leicht bergab und motivierend schnell kommen die Häuser näher.

Hinter dem Ort laufen wir zwischen grünen Weiden weiter. Es geht scharf rechts und ich stutze. Ein Matschloch versperrt den Weg. Vorsichtig hangle ich mich an der Seite entlang. Leider geht es grad so weiter. Bis jetzt hatte ich noch einigermaßen saubere Schuhe. Die Strecke läuft jetzt über eine Wiese bergauf. Gut, dass ich seit dem Schwimmbad einen Läufer in Sichtweite vor mir habe. So muss ich mich nicht so auf das finden des Wegs konzentrieren. Oben führt ein schmaler Trail weiter.

Es folgt eine kleine Straße und das km 50 Schild. Wir streifen nochmal einen Ort. Meist geht es aber im Wald weiter. Nun laufen wir auch wieder am Bach entlang. Wir überqueren eine Straße und erreichen eine VP direkt unter dem Windrad, das vorhin im Hintergrund zu sehen war. Hier gibt es dunkles Land-Bier, stilvoll in Altbiergläsern. Ich muss kurz verschnaufen. Meine Beine sind schon ziemlich müde. Das Bier gibt neuen Schwung.

An einer langen Steigung im Wald kommt Renate von hinten. Ich hatte sie vor längerer Zeit schon mal überholt. Nun zeigt sich ihre ganze Routine und sie läuft an mir vorbei. Das Spiel wiederholt sich nun einige Male. Bergab hole ich auf, bergauf kommt sie von hinten. Das km 55 Schild kommt vorbei. Wir laufen gerade durch ein romantisches Tal.

An der nächsten VP geht es lustig zu. Man erkennt den Schwaben in mir und sofort ist ein angeregtes Gespräch im Gange. Außerdem ist hier das reinste Schlaraffenland. Es gibt alles, was man sich wünschen kann. Das hätte ich vor 10 Kilometern gebraucht. Jetzt, so kurz vor Schluss ist das purer Luxus. Es geht bergauf und wir erreichen nun die Vorsperren mit ihrem langgestrecken See. Oberhalb geht es wellig entlang. Michaela, treue Begleiterin der letzten 20 km mal vor, mal hinter mir, geht es magenmäßig schlecht. Ich überhole zum letzten Mal, dann quält sie sich allein ins Ziel.

Ich genieße den Ausblick auf die Wasserfläche. Eine Brücke bringt uns über die Autobahn. dann kommt bei km 60 die letzte VP. Trotz der spärlich eintreffenden Läufer steht der erste Helfer bereits 10 m vor der eigentlichen Verpflegung .“Tee, Wasser oder Bier?“ Ich kann nicht anders und bestelle Bier. Sofort wir das Gewünschte eingeschenkt. Froh gelaunt werde ich auf die Schlussetappe entlassen. Es geht an der Straße entlang. Die Stausee der Echbachtalsperre liegt direkt vor uns. Entgegenkommende Autos hupen zur Anfeuerung. Hier führte Nachmittags der 5 bzw.10 km Lauf entlang.

An den Vorrauslaufenden erkenne ich, dass man die Straßenseite wechseln muss und dann zeigt ein Pfeil auch schon nach links. Es geht steil bergauf. Auf halber Höhe sehe ich hinter mir Renate von weitem anrauschen. Sie hat sich einen Einheimischen Jogger geschnapp und treibt ihn den Berg hinauf. Keine Chance hier dranzubleiben. Es wird zwar oben wieder Flach, Renate ist aber bereits weit enteilt. Oben läßt eine Famile Drachen steigen. Das ziegt uns wieder, dass es sehr windig ist. Das Wohngebiet ist schnell durchquert. Jeder der entgegenkommt klatscht und beglückwünst mich. Das Sportgelände kommt in Sicht. Hoffentlich müssen wir nicht noch eine unnötige Stadionrunde laufen – nein, das Ziel ist gleich erreicht.

Norbert erwartet mich. Leider sind die Medaillen aus, dafür bekomme ich sie nachgeschickt. Es gibt leckere Marathonschnecken, ein Vollkornhefegebäck mit reichlich Sesam und Trockenfrüchten. Wegen des langen Heimwegs machen wir uns gleich auf den Weg.

Der Röntgenlauf ist ein toller, kurzweiliger Traillauf. Erstaunlich, dass man in dieser dichtbesiedelten Gegend so lange laufen kann, ohne auf irgend eine Ortschaft zu treffen. Das Publikum ist super, die Organisation perfekt. Selten hatte ich bei einem Lauf soviel nette Gespräche wie hier.  Schade dass es für uns doch relativ weit weg ist, wir wären jedes Jahr dabei.

Sieger:

Männer:

1. Platz Sven Hankemeier 4.44,26 Std

17. Platz AK50 Norbert Fender 6:27,24 Std

Frauen:

1. Platz Mara Lückert 5:53,11 Std

9 Platz AK50 Birgit Fender 8:22,12 Std

 

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Birgit am November 15th 2013 in 2013, Ultraläufe

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